Eigene Texte

Gemütliches Beisammensein

Jaaaaa! Er lebt noch! Er lebt noch! Er lebt noch!

Beim zweiten „Er lebt noch!“ klatschen etwa fünfunddreißig kompakte Hintern zurück auf die Stühle, um bei „Jaaaaa!“ wieder in die Höhe gewuchtet zu werden. Immer und immer wieder. So muss das Fegefeuer sein. Holzmichel bis zum Jüngsten Gericht und kein Entrinnen.                                      Foto: Peter Marz

Raus hier. Ein kleiner Dicker schneidet mir den Fluchtweg ab, versucht einen verführerischen Augenaufschlag und fragt im breitesten Sächsisch, ob er mich verwöhnen dürfe. Ich lehne dankend aber bestimmt ab und entkomme. Draußen regnet es. Keine Kneipe weit und breit, nicht mal eine Imbissbude. Dafür ein Wald, ein See, aus. Das hat sich der Veranstalter fein ausgedacht.

Also wieder rein. Kein Holzmichel mehr. Es gibt wohl doch einen Gott. Dafür setzt jetzt ein ohrenbetäubendes Getrommel ein, und ich werde Zeuge eines mir bisher unbekannten Rituals. Die Damen, an denen im übrigen ein beträchtlicher Überschuss herrscht, dreschen mit „Kleiner Feigling“ auf die Tische ein. Immer schneller, immer lauter. Dazu kreischen sie. Auf dem Höhepunkt des Geschehens legen sie den Kopf in den Nacken, klemmen die Schnapsfläschchen zwischen die Zähne und leeren sie in einem Zug, um sie alsdann zu formschönen Türmchen aufzuhäufen. Mein Vorsatz, etwas gesellschaftlichen Elan zu zeigen, schmilzt wie Schnee in der Sonne.

Mit meiner Freundin, bis vor wenigen Minuten die einzige Verbündete in diesem Vorhof zur Hölle, ist auch nichts mehr anzufangen. Sie hat einen Polizisten in Frührente aufgetan, dem sie pausenlos bestätigt, wie unglaublich süß er sei. Ich hadere mit meinem Schicksal, meinen Eltern, meinen Genen: Warum ist es MIR nie vergönnt, mich zu betrinken, gerade wenn es so bitter nötig wäre!

Jemand tippt mir auf die rechte Schulter. Ich drehe mich um, aber natürlich steht er links von mir. Ha ha. Der Veranstalter erweist mir die Ehre, mich um den nächsten Tanz zu bitten. Er ist zwei Meter groß, und seine Freunde nennen ihn Handtuch. Eben wegen jenes Handtuchs, das er, aufgrund einer Überfunktion der Schweißdrüsen, Tag und Nacht um die Schultern gelegt hat. Wir quälen uns im Discofox-Schritt durch „Hölle Hölle Hölle“, und ich will mich schon artig bedanken, als er mir noch mal auf die (linke) Schulter tippt. Ich schaue zu ihm hoch, und da passiert es. Er drückt mir einen klatschnassen Kuss mitten auf den Mund. Jetzt wäre es dann auch bei mir an der Zeit für einen „Kleinen Feigling“.

Zutiefst deprimiert lehne ich am Tresen und sehe dem makabren Treiben zu. Mein Kopf dröhnt vom Wummern der Lautsprecher, mein Magen rebelliert, ich will nach hause. Die Leute werfen mir misstrauische Blicke zu. Ja, Ihr habt ja Recht. Ich bin ein Spielverderber, ein Griesgram, ein Partyschreck ohne einen Funken Humor. Und sollte einer von Euch jetzt versuchen, mich in die Polonaise Blankenese zu integrieren, nehme ich den Discjockey als Geisel und laufe Amok. Also Vorsicht, Leute.

Morgen werde ich dem Freund, der genau wusste, was auf mich zukommen würde, und mich trotzdem nicht vorgewarnt hat, nach Strich und Faden die Leviten lesen. Aber zuerst spreche ich mal den Menschen dort ganz hinten in der Ecke an, dessen Augen genau so entsetzt flackern wie meine.

 


 

Pseudoleben

"Die letzte Nacht war einfach un-be-schreib-lich!". Ich wappne mich für eine längere Abhandlung über anatomische Einzelheiten und Verknüpfungen, wie ich sie nicht einmal von meinem Liebsten wissen möchte. Diesmal war es der schönste Mann der Stadt. Hat sich aufgeführt wie ein Verrückter, hat praktisch auf der Fußmatte gekniet und um Einlass gewinselt. Genau wie der Udo damals. Ich weiß, ich sollte jetzt sagen: "Udo? Welcher Udo? Du meinst doch nicht etwa d e n Udo?". Daraufhin würde sie mir die Geschichte erzählen, wie sie jahrelang mit dem Panik-Orchester als Chorsängerin auf Tour war, und dass der Udo praktisch auf ihrer Fußmatte... Ich starre in meine Tasse, sie sieht mich erwartungsvoll an. Ein lahmes "ach" entringt sich mir, gefolgt von einem etwas engagierteren "toll".

Sie kommt gerade aus Berlin zurück. Ich weiß. "Wie war's?" - "Einfach un-be-schreib-lich!". Also so was verrücktes wie diese Berliner. Haben sie angebetet. Alle. Sie weiß gar nicht, wen von den Kerlen sie als ersten anrufen soll. Die Gesprächsführung nimmt heute nicht ganz den von ihr gewünschten Verlauf; also wechselt sie die Strategie: "Und was gibt 's bei dir Neues?" - "Ach... Ich war grade zwei Wochen in Polen und...". Polen! Sie sondert einen Satz ab, der so klingt, als könne er polnisch sein. Das kann ich nicht beurteilen. Ihr Französisch kann ich beurteilen. Und ihr Englisch auch. Dieser Karl Tucholsky sei ja auch Pole gewesen. "Nicht ganz. Außerdem heißt er...". Ob ich von dem schon gehört habe? Habe ich; das erste Mal mit fünfzehn.

Jedenfalls: Wenn ich wieder ein Engagement brauche, soll ich mich an sie wenden. Sie hat doch diese Agentur gegründet und wird mich aufnehmen. Und dann komme ich endlich mal so groß raus, wie ich das verdiene. Die Kneipe, die sie aufgetan hat, ist einfach un-be-schreib-lich süß, mit einem wunderschönen kleinen Hinterzimmer; zwanzig Leute kriegt man da locker rein. Bisschen aufräumen muss man halt und den Krach von draußen einfach ignorieren. Aber fünfzig Euro Gage sind ja nun nicht gerade ein Pappenstiel, oder? - Ich freu mich drauf.

Dieser Moderator hat sich mal wieder gemeldet und will sich unbedingt mit ihr treffen. Aber wann soll sie das denn tun? Sie arbeitet ja praktisch sechsundzwanzig Stunden am Tag durch. "Verstehe, in deiner Agentur" - "Genau!". Und das wächst ihr alles derart über den Kopf, dass sie am Abend einfach mal was trinken muss, zur Entspannung. Aber nie mehr als ein, zwei Gläschen. Wenn der Stress gar zu groß wird, auch mal ein, zwei Fläschchen.

Und dann setzt sie sich hin und schreibt die ganze Nacht. An Hans-Dietrich Genscher, der damals so hingerissen war von ihr, an die Witwe von Hanns-Dieter Hüsch, mit dem sie so eng befreundet war, und reimt ihre Gedichte, die demnächst veröffentlicht werden, und das Programm mit Liedern von Karl Tucholsky muss überarbeitet werden, und der Udo wird sich schon fragen, was denn mit ihr los sei, und unser gemeinsames Stück ist nächste Woche fertig, da soll ich mir gar keine Sorgen machen, und das Bild, das sie mir zum Geburtstag schenken wird, malt sich auch nicht von selbst, der weinende Harlekin, der so gut zu dir passt, mein Mäuschen...

Ich muss los, habe noch einen Termin. "Dann wünsche ich dir toi toi toi", sagt sie und sieht plötzlich sehr traurig aus.

 

 


 

Mein Verlobter

Mein Verlobter heißt Klaus. Sein Nachname ist mir im Moment entfallen. Das ist vielleicht verzeihlich, wenn man bedenkt, dass ich ihn erst seit fünf Tagen kenne. Trotzdem: Ich hätte einfach besser hinschauen sollen, als er mir seinen Berechtigungsausweis für die Suppenküche unter die Nase hielt. Mit einem solchen Mann an meiner Seite würde ich niemals mehr darben müssen; das steht fest. Doch so verlockend diese Aussicht auch sein mag: Ich habe mir noch etwas Bedenkzeit ausgebeten. Er hält mich deswegen für unentschlossen und, vor allem, undankbar. Zu Recht.

Aber so schnell gibt mein Verlobter nicht auf. Immer und immer wieder malt er mir unsere gemeinsame Zukunft in den schillerndsten Farben aus. Wir werden in vierzehn Tagen heiraten, in seiner Garage – vom Feinsten! – leben und dreimal in der Woche die Trödelmärkte der näheren Umgebung um seine im Laufe der Jahre angehäuften Schätze bereichern. Kein Mensch, der noch alle Sinne beisammen hat, würde ein solches Angebot ausschlagen. Keiner. Außer einem ausgemachten Idioten wie mir.

Mein Verlobter sitzt immer, und damit meine ich wirklich: immer, in der Kneipe, an der ich vorbei muss, wenn ich zur Arbeit, zum Einkaufen, zum Amt, zu Freunden oder auch nur mal eben so über die Straße gehen will. Sobald er mich sieht, springt er mit einer Behändigkeit, die ihm niemand zutrauen würde, auf und wirft sich mir vor die Füße. Ich entkomme ihm also nicht. Genau so hat er das auch ausgedrückt: Du entkommst mir nicht. Kleines. Ich widerspreche nicht. Außerdem ist in meinem Alter die Aussicht, von einem Meteoriten erschlagen zu werden, größer als die, noch jemals von einem Mann „Kleines“ genannt zu werden.

Mein Verlobter darf mich mit Fug und Recht „Kleines“ nennen. Er ist doppelt so groß und dreimal so breit wie ich. Dies unterstreicht er sehr gekonnt durch einen Kleiderstil, den man in Hell’s-Angels-Kreisen wohl als „Kluft“ bezeichnet. Auf seinen baumstammdicken Unterarmen prangen mehrere Tätowierungen, die man aber auf den ersten Blick nicht als solche erkennt. Sie sehen eher aus wie... blaue Flecken. Das kommt daher, dass sie nicht von einem Profitätowierer gemacht wurden, sondern von einem Zellengenossen. Aber das ist Schnee von gestern, sagt mein Verlobter. Er war damals betrunken. Und ein bisschen hat der Totgeschlagene es auch provoziert.

Jetzt muss er leider weg. Vor drei Wochen hat er seiner Ex-Freundin die Wohnung auseinander genommen. Und diese Schlampe hat es doch tatsächlich gewagt, ihn anzuzeigen. Aber der Richter ist ein guter alter Bekannter von ihm. Es kann also nicht lange dauern, dann ist er wieder ganz für mich da.

Er zwinkert mir verschwörerisch zu: Bis nachher. Kleines.

 


 

Liebe am Montag

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass von einem Haus, in dem zwei Liebende beieinander liegen, eine gewisse Strahlung ausgeht, ein Licht, das bis ins Weltall zu sehen ist. Wenn das stimmt, dann war unser Haus letzte Nacht mit bloßem Auge von der Wega aus zu erkennen.

Vier Stunden später. Dort, wo gestern noch ein recht gut funktionierendes Gehirn brav seinen Dienst verrichtete, schlackert heute morgen eine graue Masse orientierungslos in ihrer Verankerung. Mit dem üblichen "aua au aua" erhebe ich mich mühsam aus dem Bett und wanke blind in die Küche, wo mein Schätzchen bereits über der zweiten Tasse Kaffee kauert. Eigentlich möchte ich in diesem Zustand nicht gesehen werden, aber zum Glück ist er genau so kurzsichtig wie ich, wodurch das Morgengrauen ein wenig eingedämmt wird.

Egal. Ich bin verliebt. Ich bin fröhlich. Ich bin ein Sonnenschein, auch um sechs Uhr zehn. "Guten Morgen, mein Liebster!", krächze ich und habe damit mein Tagessoll an Freundlichkeit erfüllt. "Hmpf", macht er, und ich werte das mal als ein zärtliches "ich dich auch, mein Schatz".

Einen Kaffee hätte er mir ja wenigstens mit eingießen können. Bisher war mir noch gar nicht aufgefallen, was für ein verdammter Egoist er sein kann. Ich schweige vornehm; auch, weil ich sowieso noch nicht in der Lage bin, einen vollständigen Satz zu formulieren. Aber dieses Verhalten ist mit ehernen Lettern in meinen Schädel eingebrannt, und bestimmt wird sich an einem der nächsten Tage die Gelegenheit ergeben, es noch mal hervor zu holen und ihm um die Ohren zu hauen.

Ich greife mir den Aldi-Prospekt und lasse die bunten Bilder auf mich wirken, während ich in meiner Tasse rühre. "Es hat sich schon mal einer tot gerührt", brummt er, und in diesem Augenblick hasse ich ihn. Depp. Ich hasse auch Sätze, die mit "könntest du heute vielleicht..." anfangen. Ich hasse die ganze Welt. Überhaupt: Er ist doch sonst eher wortkarg; wieso redet er jetzt ununterbrochen auf mich ein? Ich sehe selbst, dass draußen die Sonne scheint. Was noch lange nicht bedeutet, dass heute auch ein schöner Tag werden muss.

Aus dem Schlafzimmer ertönt ein deftiger Fluch, den wiederzugeben mir meine gute Erziehung verbietet. Aha. Monsieur versucht, in seine Arbeitshose zu steigen, die über den Hüften verdächtig spannt. Ein erstes zaghaftes Lächeln huscht über meine Züge. Gestern abend hat er die Hose noch repariert, ganz der emanzipierte Mann, der er nun einmal ist; sprich: Er hat einen Knopf am Träger angebracht. Leider hat er den Knopf an der Innenseite des Trägers angebracht, so dass wir nun in einer gemeinsamen, fast übermenschlichen Anstrengung versuchen, den Träger unauffällig so zu drehen, dass man ihn trotzdem anknöpfen kann. Ich denke mir, vielleicht wird der Tag heute ja doch noch ganz schön, und schaffe es fast, mein Grinsen zu verbergen. Er wirft mir einen vor Verachtung triefenden Blick zu und zischt: "Du bist so eine blöde Kuh".

Dann schaut er auf die Uhr und nimmt mich in den Arm und flüstert: "Ich will nicht weg". Und ich sage: "Komm bloß bald wieder". Und dann fällt die Tür ins Schloss. Und ich bin endlich allein.

Mit meiner dritten Tasse Kaffee und mit meiner Sehnsucht.

 

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